Molleindustria oder Videospiele als soziale Kunstwerke

Datum: 19. September 2008 |  Meinungen: 3 Kommentare »
Thema: Design & Webdesign, MedienSchlagwörter: , , , , ,

Als ich vor einigen Jahren mein Studium der Medienwissenschaft aufnahm, dachte ich nicht, mich einmal mit Videospielen beschäftigen zu müssen. Nicht, dass ich Videospiele verabscheuen würde – ich habe noch immer mein altes SNES. Doch Videospiele waren eben zum Spaß da, und sie hatten schon gar nichts mit Medienwissenschaft zu tun.

Dass sich das ändern wird (wenn es das nicht schon hat), wird mir in letzter Zeit immer stärker klar. Videospiele sind nicht mehr nur zum Spaß da, sondern sind folgenreiche Entwicklungen, ja, sie sind Pop. Aus dem Spiel zum Kinofilm wird der Kinofilm zum Spiel. Musiker lizensieren ihre Stücke an Spiele wie Guitar Hero. Nun bin ich bei Rebel Art auf ein interessantes italienisches Künstler-Kollektiv gestoßen, das das Videospiel als ein politisches Medium versteht.

Molleindustria zwischen schwarzem Humor und tieferer Aussage

Molleindustria ist ein Kollektiv italienischer Designer, Programmierer und Künstler, die das Videospiel von seiner Spaßlastigkeit befreien und als Medium etablieren möchten, mit dem man über soziale Entwicklungen sprechen kann. Damit kämpft das Videospiel einen ähnlichen Kampf, wie ihn die Fotografie in ihren Anfangstagen kämpfen musste: weg vom Image einer technischen Sache, mit der man bestimmte Zwecke verbindet, und hin zu einer Kunstform mit eigenen Regeln. Die Vision: Künstler sollen über Spiele ebenso ihre Ideen und Gedanken ausdrücken können, wie sie es mit anderen Medien bereits seit längerem tun.

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Dass dieses hehre Ziel nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass die Spiele keinen Spaß machen können, beweist die Sammlung an kostenlosen Flash-Games, die das Kollektiv entwickelt hat. So kann man um die Vorherrschaft einer bestimmten Religion kämpfen, simuliert Orgasmen um die Wette oder erhält Einblicke in die finsteren Machenschaften global agierender Unternehmen. Dabei nehmen die Macher kein Blatt vor den Mund und sprechen auf spielerische Art voll schwarzem Humor soziale und wirtschaftliche Missstände an.

Bildnachweis: „Faith Fighter“ von Molleindustria, CC BY NC ND

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Kommentare und Reaktionen

  1. Interessante Mischung an Spielen… Und wer über schwarzen Humor nicht lachen kann, wird wohl spätestens beim „Pedopriest“ die Seite verlassen.
    Trotzdem: Das ist zwar ganz nett, aber wenn ich zocke, dann doch lieber ohne politische Hintergründe. Denn bei mir haben Computerspiele (auch im Gegensatz zu Fotos) ja gerade das Ziel, dass sie eine neue Welt eröffnen, die nur bedingt oder gar nicht auf den Gesetzen und Gegebenheiten unserer Welt hier aufbaut.
    Nun ja, vielleicht stehe ich ja selbst erst am Anfang und diese Künstler sind nur einfach schon viel weiter. 😉

  2. Jein – ich kann dir insofern Recht geben, dass Videospiele definitiv auf eine andere Art und Weise künstlerisch genutzt werden können als andere Medien. Allerdings trifft die Idee von der Eröffnung einer neuen Welt z.B. auch auf Filme zu. Dennoch kann ein solcher Film in einer neuen Welt eine Aussage über die reale Welt treffen.