Lesestoff:
Wertvolle Zeitungen, Streit ums LSR, freie Werke und gutes Design

Datum: 30. November 2012 |  Meinungen: Kommentare deaktiviert für Wertvolle Zeitungen, Streit ums LSR, freie Werke und gutes Design
Thema: Design & Webdesign, Lesestoff, MedienSchlagwörter: , , ,

In der Nacht debattierte der Deutsche Bundestag über das Leistungsschutzrecht – Informationen, Studien und Videos zum Vorhaben hier. Außerdem Neues über Design-Crowdsourcing, Creative Commons und das Hamburger Monitoringcamp.

LSR aus Sicht des BDZV – und die Frage, ob man 95% einer Zeitung verlustfrei weglassen kann

Leistungsschutzrecht für Verlage – YouTube: Nachdem ich Googles Lobby-Video ja schon hier hatte, sollte nun auch Raum für das Lobby-Video des BDZV (Bund Deutscher Zeitungsverleger) sein. In vier Minuten wird hier erklärt, wie man sich das Leistungsschutzrecht so vorstellt. Die robots.txt wird unerwähnt gelassen – schade, denn genau die erlaubt nämlich, die Übernahme von Snippets zu untersagen. Dass man das delikaterweise auf YouTube veröffentlicht entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Äußerst schwierig finde ich das Argument bei 1:30.

Werden Snippets von Beiträgen verschiedener Verlage auf einer Seite veröffentlicht, entsteht quasi eine neue Online-Zeitung.

„Quasi eine neue Online-Zeitung“? Der BDZV behauptet hier ernsthaft, durch das Zusammenfügen einiger Text-Bausteine im Umfang von 160 Zeichen würde eine neue Zeitung entstehen? Ich halte das für Quatsch – Snippets machen Lust aufs Lesen und werden genau zu diesem Zweck von den Redakteuren selbst festgelegt. Mitnichten ersetzen Snippets die Lektüre eines Beitrags – sie enthalten keine Details, keine Kommentare, keine Analysen, keine ausgeführten Argumente… Wie kann der BDZV hier ernsthaft seine eigenen Produkte abwerten, indem er behauptet, man könne den Löwenanteil davon weglassen und habe dennoch eine vollwertige Zeitung?

Ein Stapel Zeitungen
Zeitungen – verzichtbares Beiwerk zu Snippets? (Bild: Newspapers B&W (4), ein Foto unter Creative Commons Attribution (2.0) von 62693815@N03)

Studie: LSR nein – und ein Ansatzpunkt für eine Lösung

Lobby-Interessen auf der einen und der anderen Seite mögen ja ganz interessant sein – im Endeffekt jedoch werden Gesetze für das Volk gemacht. Das Institut für Strategieentwicklung (IFSE) hat eine Studie in Auftrag gegeben durchgeführt, nach der das Leistungsschutzrecht sehr wenig Rückhalt in der Bevölkerung genießt. Klare Korrelation: Je aktiver Menschen das Netz verwenden, desto geringer ist die Zustimmung zum LSR. Methodisch scheint mir die Umfrage sauber erstellt, die Fragen sind neutral gestellt und erläutert – obwohl zum Zeitpunkt der Umfrage (März/April) noch gar keine Details vorlagen.

Bemerkenswert finde ich besonders die Ergebnisse der aggregierten Einschätzungen: Es gibt eine große Zustimmung zum Schutz kreativer Arbeit im Netz. Es herrscht sogar die Einschätzung vor, Verlage sollten an kommerziellen Auswertungen ihrer Arbeit beteiligt werden. Dennoch fällt das LSR in seiner konkreten Form gnadenlos durch, gilt sogar mehrheitlich als Versuch, selbstgeschaffene Probleme zu beseitigen.

Aufschlussreich ist auch der Vergleich zwischen den Argumenten der Kritiker und der Befürworter. In den meisten allgemeinen Aussagen liegen sie dicht beieinander. Nur bei den Einschätzungen der Rollen von Verlagen und Suchmaschinen driften die Aussagen auseinander. Persönlich bin ich der Meinung, dass hierin die interessanteste Erkenntnis aus dem ganzen Gerede um das Leistungsschutzrecht liegt: Es scheint ein großes Gefälle zwischen den Einschätzungen von Verlagsarbeit bei den Befragten zu geben, zudem in Korrelation mit der Netzaktivität. Wenn das stimmt, halte ich die Untersuchung und Veränderung dieses Gefälles für einen sehr viel besseren Ansatzpunkt als alle Leistungsschutzrechte dieser Welt.

Oberbeck vs. Keese

Beim „Streitgespräch: Das geplante Leistungsschutzrecht im Internet“ vom dradio diskutieren Google-Sprecher Kay Oberbeck und Springer-Vize Christoph Keese in viel zu kurzen zehn Minuten über das Leistungsschutzrecht – und werden dann auch noch abgewürgt. Schade, dass die klassischen Medienformate so unflexibel sind – das hätte mit ein wenig mehr Zeit gewinnbringender sein können. Zum Beispiel hätte Christoph Keese einmal technisch erläutern können, wie genau er sich denn nun die differenzierten Modelle vorstellt, mit denen Verlage die Übernahme ihrer Beiträge steuern könnten – per robots.txt ginge es jedenfalls schon einmal auf Artikelebene.

Die Redebeiträge der neun Redner in der Bundestagsdebatte aus der Nacht von Donnerstag auf Freitag gibt es zum Nachhören direkt beim Bundestag – es lebe die direkte, unverfälschte Quelle.

Und sonst so?

Wahlplakat von Ortrun Schätzle (CDU): Mir ist ein persönliches Gespräch immer lieber als ein Wahlplakat
Schöner Schritt: Die Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlicht historische Wahlplakate unter Creative Commons (hier ein Plakat von Ortrun Schätzle von 1990, CC BY SA)

Bei all der Leistungsschutzrecht-Aufregerei sollten die anderen Themen nicht zu kurz kommen.

  • Design-Wettbewerb? Das geht auch fair!: Crowdsourcing im Designbereich „genießt“ einen zweifelhaften Ruf – Lohndumping lautet der zutreffende Vorwurf. Der Berufsverband der Deutschen Kommunikationsdesigner formuliert hier einige Richtlinien, an die man sich als Ausrichter eines Design-Wettbewerbs halten könnte – vorausgesetzt natürlich, man ist wirklich an gutem Design interessiert.
  • Creative Commons bei 500px: 500px ermöglicht es seinen Mitgliedern nun, die eigenen Bilder unter Creative Commons zu lizensieren.
  • Historische Wahlplakate der CDU unter Creative Commons: Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat historische Wahlplakate der CDU unter Creative Commons in das eigene Plakatarchiv gestellt. Damit war nicht zu rechnen – umso erfreulicher. Über die Usability der Datenbank sollten wir freilich noch einmal nachdenken.
  • Monitoringcamp in Hamburg: Datenschutz, Kennzahlen, eine Menge Tools und Kundenerwartungen: War jemand von euch auf dem Monitoringcamp in Hamburg? Christine Heller hat einen lesenswerten Bericht dazu geschrieben, in den sie einige Präsentationen eingebettet hat – sinnvoll daher auch für Menschen, die nicht da waren, aber gerne da gewesen wäre.

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