Blogs und Ethik:
Blogger-Ethik aus Nutzersicht

Datum: 24. Februar 2014 |  Meinungen: 4 Kommentare »
Thema: Medien, Online-MarketingSchlagwörter: , , , , ,

Wie soll ich mich verhalten, was ist tabu? Während sich Journalisten bei dieser Frage auf den Pressekodex berufen können, sind Blogger auf ihre eigenen ethischen Grundsätze angewiesen. Da kann es hilfreich sein, die Sicht eines Lesers einzunehmen.

In der Erforschung der Nutzerfreundlichkeit von Websites und Anwendungen hat es sich als sehr fruchtbar erwiesen, den Blick seines Nutzers einzunehmen – dies möchte ich hier einmal in Form von drei Thesen für die Ethik beim Bloggen versuchen. Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade „Blogger und Ethik“.

Respekt zollen und Austausch fördern

Blogs sind keine Sackgassen: Leser sollten Links zu Quellen, Inspirationen und weiterführenden Informationen erhalten, um den Austausch untereinander zu fördern und respektvoll miteinander umzugehen.

„Netz“ kommt von „Vernetzen“. Leserinnen profitieren sehr von einer starken Vernetzung von Blogs untereinander. Der Link ist die Ader, die das Netz am Leben hält – noch nie war es einfacher, seinen Lesern die eigenen Quellen offenzulegen. Das ist ein Dienst am Leser, dem ihr eine wertvolle Informationsquelle empfiehlt.

Von Empfehlungen profitiert auch der Autor selbst: Ein aufmerksamer Leser wird sich daran erinnern wird, von wem er einen Tipp bekommen hat. Kuratieren ist eine selbstverständliche Form der Content-Erstellung mit großem Mehrwert. Dabei werden interessante Inhalte zusammengetragen und kommentiert – das ist weit entfernt von Content-Klau.

historisches Foto: Junge schreibt von einem anderen ab
Abschreiben ist tabu – Respekt zollen und Bezug nehmen jedoch nicht (Bild: „Pen en Paper“ aus dem Archiv des Nationaal Archief, ohne Urheberrechtsbeschränkung)

Einen Beitrag zu verlinken, dem man eine Inspiration verdankt oder einen Gedanken, den man weiterführen oder anfechten möchte, bedeutet auch: Ich zolle anderen Autoren und Bloggern Respekt, die mich beeinflusst haben. Das fördert den Austausch untereinander. Wer möchte, kann mit Hilfe von freien Lizenzen (z.B. Creative Commons) den kreativen und wissensbasierten Austausch untereinander weiter fördern. Dahinter steht der Gedanke: Wenn ich von der Community profitiere, etwa indem ich eine freie Software wie WordPress verwende, was kann ich tun, um der Community etwas zurückzugeben?

Meinungen sind gut, man sollte sie nicht verstecken

Blogs sind meinungsbetont. Das ist keine Schande, sondern eine Chance – so lange den Lesern klar ist, was Meinung ist und die Grenzen von Meinungsäußerungen eingehalten werden.

Blogs sind meinungsbetonte Medien. Das ist eine ihrer größter Stärken. Denn Meinung ist sehr gut: Ohne Meinungen kann keine Diskussion geführt werden, oft entstehen neue Ideen und Meinungen nur durch einen Meinungsaustausch. Man darf (und sollte) geteilter Meinung sein – dazu muss ein Leser jedoch wissen, dass es sich um eine Meinung handelt.

Im Journalismus ist das über die Textform formalisiert. Kommentare und Rezensionen sind natürlich Meinungen des Journalisten selbst. In berichtenden Textformen hingegen bemüht sich der Journalist um einen neutralen Standpunkt:

  • Meinungsäußerungen werden Personen zugeordnet, zum Beispiel den handelnden Akteuren.
  • Keine Meinung ohne Gegenmeinung – wenn es eine Diskussion gibt, sollten auch alle Seiten gleichberechtigt zu Wort kommen.
  • Tatsachen und Meinungen werden streng getrennt, beispielsweise durch den Konjunktiv bei ungeprüften Aussagen: „Von Seiten der Veranstalter hieß es, es seien 500 Personen anwesend gewesen.“

Textformen aus dem Journalismus finden sich natürlich auch in Blogs, beispielsweise bei Rezensionen – in diesen Fällen ist klar, dass es sich um Meinungen handelt. In den anderen Fällen schreibt man einfach, was Meinung ist. Gegen ein einfaches „Ich finde, dass…“ ist in Blogs nichts einzuwenden, vielmehr zeugt es von großer Professionalität und wirkt ungemein erfrischend.

Schließlich ist Meinung jedoch kein Freifahrtsschein. Meinungen dienen einem respektvollen, sachlichen Austausch miteinander. Beleidigungen, Unwahrheiten und Unterstellungen haben mit Meinungen nichts zu tun: Am anderen Ende der Leitung sitzt ein Mensch – man muss ihn nicht mögen, aber er hat Offenheit und Respekt verdient.

Unabhängig sein, unabhängig bleiben

Blogs profitieren von ihrer Unabhängigkeit. Große Transparenz gehört daher zur Verantwortung eines Bloggers: Leser sollten jederzeit prüfen können, wie stark auf einen Beitrag eingewirkt wurde.

Blogs sind heute ein fester Bestandteil der Medienlandschaft – wenn sie in Deutschland auch noch nicht in dem Maße angekommen sind wie beispielsweise in den Vereinigten Staaten. Wer sich über Netzkultur und den digitalen Wandel informieren möchte, findet in Blogs oft zu einem früheren Zeitpunkt und wesentlich fundiertere Informationen als in Magazinen und Zeitungen. Das ist gar keine Kritik an den „klassischen“ Medien – es liegt einfach an der hohen Spezialisierung, die in Blogs fernab redaktioneller Verfahren möglich ist:

  • Blogs können unabhängig von den Nachrichtenfaktoren der Massenmedien agieren – das ermöglicht ihnen, früher über aktuelle Entwicklungen zu schreiben.
  • Blogs sind meinungsbasiert und individuell. Wer ein Blog liest, schätzt den Input seines Autors; wer ein Nachrichtenmedium liest, schätzt die durch redaktionelle Abläufe gesicherte übergreifende Neutralität. Das Risiko, eine Entwicklung zu früh oder fehlerhaft aufgegriffen zu haben, ist daher bei Blogs nicht so groß wie für ein etabliertes Nachrichtenmedium – Irren ist menschlich, zudem genügt ein einfacher Folge-Beitrag, um seine Fehler aufzuarbeiten.
  • Besonders private Blogs unterliegen nicht den redaktionellen Zwängen von Magazinen. Thomas Knüwer hat beispielsweise vor ein paar Wochen herausgearbeitet, wie differenziert einzelne Blogs bei der Berichterstattung rund um das Fairphone vorgegangen sind und welche wichtigen Impulse sie der Diskussion gegeben haben.

Wenn Blogs sich auf diese Unabhängigkeit berufen und sie zum prägenden Faktor erheben, können sie aus Leser-Sicht eine sehr sinnvolle Ergänzung zu den etablierten Medien sein. Die Entscheidung darüber liegt jedoch beim Leser: Ich bin nicht unabhängig, weil ich es sage – der Leser entscheidet für sich selbst, ob er mein Blog als unabhängige Quelle wichtiger Informationen betrachtet. Als Blogger kann ich diese Entscheidung begünstigen, indem ich mich auf Transparenz berufe. Dies ist auch Teil des Pressekodex für Journalisten, wie es der geschätzte Autoren Michael Firnkes herausgearbeitet hat: „Blogger sind keine Journalisten, aber sie sollten so handeln“.

Transparenz hilft den Leserinnen, Fragen nach der Unabhängigkeit eines Beitrags selbstständig zu beantworten und einzuschätzen. Beispiele dafür sind:

  • Handelt es sich um einen bezahlten Beitrag? Dann sollte er als Werbung oder gesponsort gekennzeichnet werden.
  • In welchem persönlichen oder geschäftlichen Verhältnis steht man als Blogger zum Thema eines Beitrags? Ein Beispiel: Testet man die App eines Freundes, mag man zwar nicht vollkommen neutral sein – dennoch kann ein Beitrag interessante Einblicke enthalten, etwa welche Gedanken man sich bei der Entwicklung oder der User Experience einer App macht.
  • Ist auf den Inhalt Einfluss genommen worden? In welcher Form und wie stark?
  • Gibt es eine Gegenleistung? Wenn ja, in welchem Umfang?

Interessant in diesem Zusammenhang: Das Blog, das die Blogparade „Blogger und Ethik“ ins Leben gerufen hat, gehört zur Kölner Rankseller GmbH, die sich auf Blog-Vermarktung spezialisiert hat. Dort treffen Publisher und Werbetreibende aufeinander und können die Modalitäten einer Zusammenarbeit klären – beispielsweise bei Advertorials oder Gastbeiträgen.

Personas und Gespräche helfen, seine Leser einzuschätzen

Beispiel für eine Persona namens „Michael“ mit detaillierten Informationen
Eine Persona ist ein fiktiver, aber fundierter Nutzer – man beschreibt ihn in allen Details, die notwendig sind, um sich in ihn hineinversetzen zu können.

Eine Idee möchte ich als Denkanstoß noch mitgeben: Wenn wir die Leserperspektive einnehmen, bewegen wir uns zwangsläufig auf unsicherem Terrain. Nicht alle Leser sind gleich: Weiß wirklich jeder, was ein „Advertorial“ ist? Wie genau müssen wir beschreiben, welche Einflüsse auf einen Beitrag gewirkt haben, bis wir ausreichend Transparenz gesichert haben?

Bei der Beantwortung dieser Frage hilft eine klare Vorstellung davon, wie die eigenen Leser sind. Ein gutes Mittel dazu stammt aus der Webkonzeption: das Instrument der Persona. Dabei handelt es sich um fiktive, aber realistische Beschreibungen von Personen, mit deren Hilfe man sich besser in seine Leser hineinversetzen kann. Und: Sprecht einfach hin und wieder mit euren Lesern 🙂

Welche Aspekte sind euch als Blogger wichtig, wenn es um Ethik geht? Wie beurteilt ihr Glaubwürdigkeit und Qualität eines Blogs, wenn ihr darin liest?

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Kommentare und Reaktionen

  1. Guter und sehr spannender Artikel. Jeder Blogger sollte sich die Frage stellen. Meiner Meinung nach ist es sogar augesprochen wichtig, dass sich die Blogger gegenseitig unterstützen und dadurch ein Netzwerk bilden.

    Ob man allerdings gleich Personas bilden sollte, finde ich etwas schleierhaft. Man kann und sollte eine gewisse Zielgruppe ansprechen, dazu können Personas durchaus hilfreich sein. Beim bloggen kann man sich so ev. besser auf die Zielgruppe fokussieren. Meiner Meinung nach ist es aber sehr schwierig, eine Persona zielgerecht zu formulieren, da dies sehr subjektiv ist.

  2. Vielen Dank für das Lob. Es stimmt: Personas sind nicht immer einfach zu definieren. Dabei hilft es, mit mehreren Personas zu arbeiten — so kann man verschiedene Aspekte seiner Zielgruppe abbilden und hat es etwas leichter, als wenn man alles in einer Persona vereinen wollte.

  3. super spannender Artikel! Habe in letzter Zeit häufiger Artikel im Netz gefunden, die um dieses Thema kreisen. Scheint sich zur Zeit grad ne Menge zu tun… Grüße aus Berlin