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Ansgar Heveling und die Netzkultur Krieg der Welten?

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Schlagworte: Ansgar HevelingCDU-CSUHandelsblattKommentarNetzkulturUnion

Ansgar Heveling ist trending topic. Der Abgeordnete der Union hat in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt seine Ansichten zur Netzgemeinde geäußert (Tim Pritlove hat den Beitrag vertont) und offenbart dabei derart viele argumentative Schwachstellen, dass man sich fragt, ob er das wirklich ernst meint.

Es ist ein sehr verwirrender Text, der in mir viele Fragezeichen hinterlassen hat. Ich formuliere meine Zwischenüberschriften daher als Fragen – für Antworten bin ich dankbar.

Geschichtsbewusstsein ohne Geschichtlichkeit?

Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird.
Ansgar Heveling

„Geschichte sein“ – ich habe lange darüber nachgedacht, in welchem Sinne Ansgar Heveling hier von Geschichte spricht. Die einzige Interpretation, die ich mir vorstellen kann, lautet: „Geschichte sein“ = vorbei sein. Eine denkbare, aber unsinnige Interpretation, denn vorbei ist Geschichte niemals, und jedes noch so kleine Ereignis hinterlässt Spuren. Das Leben, das wir heute führen, unsere Ansichten, unsere Kultur, sogar unser bloßes Vorhandensein basiert auf der Geschichte derer, die vor uns gelebt haben – und ist damit in einer Weise „real“, die man nicht mit „vorbei“ wegwischen kann. Wieso nun sollte gerade eine so tiefgreifende Entwicklung wie jenes Web 2.0 hier eine Ausnahme bilden? Dass ausgerechnet ein „geschichtsbewusste[r] Politiker“ diesen Faux-Pas begeht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Es ist nicht sein einziger.

Meinung ohne Argumente?

Ein geflügeltes Wort dürfte seine Aussage werden, die Netzgemeinde werde den Kampf verlieren. Eine steile und gerade daher spannende These, und nun wäre ein guter Zeitpunkt für Argumente gekommen. Tatsächlich gäbe es gute Gründe, die Hoffnungen der digitalen Kultur zu hinterfragen – Becky Hogge tut es in ihrem eBook „Barefoot into Cyberspace“. Ansgar Heveling hingegen scheint wenig Interesse daran zu haben, Argumente auszutauschen.

Dass die Digitalisierung unsere Gesellschaft verändere, gibt Ansgar Heveling freilich zu – obwohl ihm außer dem Aspekt, dass Vieles einfacher werde, wenig einzufallen scheint. Und da „Narzissmus und Nerdzismus Zwillinge“ sind, erwähnt er mit keiner Silbe den kulturellen Austausch im Netz – Creative Commons, freie Software, kollaboratives Arbeiten, all dies spielt in einer Argumentation keine Rolle, die neben Schwarz-Weiß-Malerei wenig zu bieten hat.

Von Äpfeln zu Birnen?

Es sei also eine „unheilige Allianz aus diesen „digitalen Maoisten“ und kapitalstarken Monopolisten“, und als Beispiele weiß Ansgar Heveling Google und Wikipedia aufzuzählen. Nun ist es nicht unbedingt so, dass man Google und Wikipedia miteinander vergleichen könnte – immerhin ist Google ein Unternehmen, die Wikipedia hingegen wird von der Wikimedia Foundation getragen, also einer Stiftung. Dass grundverschiedene Finanzierungsmodelle hinter den beiden Akteuren stehen, erwähnt der Autor mit keiner Silbe.

Als Waffe gegen den Verlust des geistigen Eigentums beruft er sich auf „Goethe, die Bibel oder auch Marx“, die man zitieren solle. Warum aber ausgerechnet gemeinfreie Werke, die durch die Digitalisierung kostenfrei zugänglich sind, verhindern sollen, dass nur noch „verbrannte Erde unserer Kultur“ zurückbleibe – das ist eine Frage, die wohl nur Ansgar Heveling beantworten kann.

Die Demokratie, die ich meine?

Worum geht es Ansgar Heveling letztlich in seinem Beitrag? Er ruft die Bürger zu Wachsamkeit auf, zur Verteidigung der bürgerlichen Gesellschaft im Netz. Ein Einsatz für die Demokratie also, für „Freiheit, Demokratie und Eigentum auch im Netz“. Ich habe eine Weile gebraucht, um mir darüber bewusst zu werden, warum ich Hevelings Kommentar eigentlich so eigenartig finde – es ist der Ton, der nicht zu diesem Fazit passt. Da ist die Rede von einem „Kampf zwischen der schönen neuen digitalen Welt und dem realen Leben“. Da ist die „mediale Schlachtordnung“, ein „Endkampf um Mittelerde“. Da ist die Gefahr, „dass sich nach dem Abzug der digitalen Horden und des Schlachtennebels nur noch die ruinenhaften Stümpfe unserer Gesellschaft in die Sonne recken“. Kriegsmetaphern. Kriegsmetaphern.

Als unangemessen habe ich das in einem Tweet bezeichnet, denn am Ende des Tages geht es um unterschiedliche Auffassungen von Kultur. Es geht um Menschen, die geistiges Eigentum betonen und wirtschaftliche Interessen schützen möchten auf der einen sowie um Menschen, denen der freie Austausch von Wissen und Kultur am Herzen liegt auf der anderen Seite. Vor allen Dingen aber geht es um die vielen Positionen dazwischen, und es geht darum, in diesem Spannungsfeld einen sinnvollen Kompromiss zu finden. Dabei jedoch, lieber Herr Heveling, sind Kriegsmetaphern wenig hilfreich. Und den Andersdenkenden mit den Worten Jaron Laviers „digitalen Totalitarismus“ vorzuwerfen, noch weniger.

Und wenn Sie dies als Satire meinten, so schreiben Sie bitte demnächst ein einfaches „LOL“ unter Ihren Kommentar.