Visuelle Analyse einer Fotografie: Fallsprung in das Innere des Apfels
Von Björn Rohles am 27. Februar 2010 um 09:09
Vor ein paar Tagen bin ich auf dieses Apfel-Bild von Tobi gestoßen – Tobi dürfte den Hörern von Happy Shooting bereits bekannt sein (Review von Happy Shooting gibt’s hier). Das Bild hat mir gut gefallen, allerdings ist mir ein Verbesserungsvorschlag eingefallen, den ich daraufhin mit Tobi diskutiert habe. Ich möchte hier schreiben, wie es dazu gekommen ist, und warum ich die andere Version besser finde.

Tobis Version des Apfels
Die Ausgangslage: kwerfeldein vs. Tobi
Wie Tobi in den Kommentaren schreibt, hat ihn das Bild “Red Fire Fruit” von Martin Grommel inspiriert. Martin hat dafür einen quadratischen Ausschnitt gewählt und mit geringer Schärfentiefe aufgenommen. Das Ergebnis erinnert mich stark an die impressionistisch angehauchte kunstphotographische Bewegung.
Tobis Bild ist allerdings anders. Zwar ist auch hier die Schärfentiefe so gewählt, dass Teile des Apfels unscharf abgebildet werden. Allerdings fallen mir im Vergleich zu Martin zwei entscheidende Unterschiede auf:
- Die Schärfentiefe fällt insgesamt nicht so schnell ab wie bei Martin. Daher sind größere Teile des Apfels scharf. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die starken Kontraste und die große Nachschärfung.
- Wichtiger noch: Der Schärfepunkt liegt anders. Liegt er bei Martin auf dem vorderen Punkt des Apfels, hat Tobi ihn mitten auf den Stängel gesetzt.
Während ich den quadratischen Ausschnitt bei Martin gelungen finde, würde ich für Tobis Apfel einen länglichen Streifen bevorzugen.
Blickführung: mein Apfel hat ein schwarzes Loch
Tobi hat in seinem Bild durch die harten Kontraste schön die Struktur der Apfelschale herausgearbeitet. Alle Linien führen in den Mittelpunkt des Bilds, in dem der Stängel in einer Art “schwarzem Loch” verschwindet. Das ist ein interessanter Aspekt an dem Bild: Meist werden Führungslinien eingesetzt, um den Blick auf das zentrale Subjekt hinzuführen. Wenn man mit seinem Blick in Tobis Bild jedoch dieser Konvention folgt, verläuft sich der Blick in einem schwarzen Nichts, das mehr Fragen offen lässt, als es beantwortet: Was ist in diesem schwarzen Loch? Das süße Fruchtfleisch des Apfels? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich mir das Bild anschaue, läuft mir das Wasser im Mund zusammen, weil mein Blick in dieses schwarze Loch gelenkt wird und meine Fantasie sich ausmalt, dass dort doch süßes Fruchtfleisch sein muss (obwohl man es nicht sieht). So macht mir das Bild Lust auf einen Apfel – obwohl es ja an sich nicht sonderlich appetitlich aussieht in seiner monotonen Farbgebung. Fotografien leben eben nicht nur von dem, was zu sehen ist – sie leben nicht zuletzt auch von dem, was eben nicht zu sehen ist, was man sich als Betrachter dazu denkt.
Blickführung revisited

Tobis Apfel in einem länglichen Ausschnitt (Verhältnis 3:1)
Ich fasse meine bisherigen Gedanken zu Tobis Bild noch einmal kurz zusammen: Inhaltlich eine ungewöhnliche Anregung meiner Fantasie – ein Apfel, der appetitlich wird, obwohl das Bild selbst es nicht ist – und ästhetisch eine starke Blickführung in den Mittelpunkt, das schwarze Loch des Apfels. Schon beim ersten Betrachten des Bildes stellte ich mir daher die Frage: Wenn das die zwei Aspekte sind, die mir an dem Bild besonders gut gefallen, könnte man sie dann noch stärker herausstellen? Mir kam die Idee, statt der quadratischen Version eine sehr langgezogene zu wählen. Tobi hat die Idee aufgegriffen und im Seitenverhältnis 3:1 umgesetzt.
Die ist natürlich nichts fürs Web – dafür wirkt sie zu lang. Allerdings finde ich, dass sie an einer Wand sehr viel besser wirkt als die quadratische. Der helle Apfel am unteren Rand der riesigen schwarzen Fläche zieht den Blick nach unten, wo er dann in das “schwarze Loch” hineinfällt. Ich finde, dass dieses Eintauchen noch stärker, tiefer wirkt als in der quadratischen Version.
Zudem gefällt mir, dass der Ausschnitt für eine Fotografie sehr ungewöhnlich ist. Das passt imho gut zur ungewöhnlichen Art und Weise, in der Tobi den Apfel dargestellt hat. Das Bild bekommt so etwas Grafisches, Abstraktes – ähnlich, wie auch der Apfel durch die starken Kontraste abstrakter wirkt als eine realistische Darstellung.
So nimmt mich die langgezogene Variante mit auf eine Fantasiereise – erst nach unten, hinab in das Innere des Apfels, das meiner Fantasie überlassen bleibt. Doch auch wenn ich analytischer an das Bild herangehe, bestätigt das Format mich in der Annahme, dass das Innere des Apfels der wichtige Teil des Bildes ist, der nicht dargestellt wird und sich hinter der grafischen Anmutung verbirgt.
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