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Digitale Gedanken

Formen des Online-Protests am Beispiel von Netzsperren

Datum: 25. Juni 2009 |  Meinungen: 0 Kommentare »
Thema: MedienSchlagwörter: , , , , ,

Vor ein paar Tagen habe ich bereits meine tiefgehenden Bedenken habe formuliert, in die durchaus gut gemeinte Gesetze unser Land manovrieren könnten. Die Pläne der Bundestegierung sind auf einen unerwartet großen Widerstand aus dem Netz gestoßen. In den letzten Wochen sind im Netz eine ganze Reihe interessanter und kreativer Protestformen aufgetaucht. Eine kleine Auswahl findet ihr hier.

Der Ursula-von-der-Leyen-Fanclub: mit blinkenden Gifs gegen die Netzsperren

Schon sehr früh bekam Ursula von der Leyen ihren eigenen Fanclub. Mittels eines kleinen Skripts kann man den Fanclub in die eigene Seite einbinden. Das Skript legt dann ein Overlay über die Seite und blendet verschiedene Statements ein, die mehr oder weniger sinnvoll auf die Problematik hinweisen. Das Ganze in absolut trashiger Ästhetik und voller Sarkasmus.

Protest gegen die Bild oder: wir sind alle Verlierer des Tages

Wir sind alle Verlierer des Tages im Kampf gegen Netzsperren: Solidarität gegen Populismus

Wir sind alle Verlierer des Tages im Kampf gegen Netzsperren: Solidarität gegen Populismus

Dass der Widerstand durchaus Eingang in die politischen Gremien fand, zeigt das Beispiel von Björn Böhning. Er hatte einen (erfolglosen) Initiativantrag beim SPD-Bundesparteitag gestellt, der jegliche Form von Netzsperren verhindern sollte. Dafür wählte ihn die Bild (deren stellvertretender Chefredakteur Alfred Draxler zufälligerweise mit CDU-Politikerin Martina Krogmann verheiratet ist, die sich als Verhandlungsführerin der CDU entschieden für Netzsperren ausgesprochen hat) zum Verlierer des Tages, freilich ohne die Thematik wirklich tiefgehend zu behandeln. Wie es um die Macht der Bild steht, zeigte sich wenig später in der Solidarität mit Böhning. Wer Lust hatte, konnte sich mit Stolz in die Reihe der Verlierer des Tages einreihen. Wer im Zeitalter des Internets Meinung machen will, muss auf mehr setzen als reinen Populismus.

Den Spieß umdrehen: Zensiert zurück!

Radikaler sind da schon andere Ideen: Peter Kröner hat ein WordPress-Plugin geschrieben, mit dem man die eigenen WordPress-Blogs zensieren kann — aber nur für Parteien und Ministerien. Ein bisschen Programmierung und die IP-Adressen von Ministerien, Parteien und Fraktionen machen es möglich, dass sie mit jedem ihrer Computer nichts zu sehen bekommen außer einem Hinweis, dass sie zurückzensiert wurden.

Der Web-Sommerhit: Zensi Zensa Zensursula

Oliver Kels hat die Gedanken großer Teile der netzaffinen Bevölkerung in Musik gepackt.

YouTube Preview Image

Und die vielen kleinen Antworten: Namensspiele und Videos

Doch auch in viel kleinerem Rahmen zeigt sich im Internet, dass Protest hier anders läuft. Da ist schon der Name “Zensursula”: Eine Wortneuschöpfung aus “Zensur” und “Ursula (von der Leyen)”, die sowohl die Befürchtungen der Gegner als auch die Paranoia-Vorwürfe der Befürworter elegant auf einen Nenner bringt. Und gegen den wohl niemand etwas unternehmen kann — zu weit ist er schon verbreitet.

Der Googlefight zeigt, wie weit verbreitet der Begriff Zensursula schon ist

Der Googlefight zeigt, wie weit verbreitet der Begriff Zensursula schon ist

Ganz ähnlich die unglückliche Äußerung von Wirtschaftsminister von Guttenberg, mit der er nach dem Erfolg der Online-Petition gegen Netzsperren in die Tagesschau kam. Sie wird wohl auf ewig durch YouTube geistern und sein Verhältnis zu den Sperrgegnern auch in anderen politischen Fragen nachhaltig schädigen. Und dass Videostatements nicht mehr den Offiziellen vorbehalten sind, zeigt die Aktion “Blogger gegen Netzzensur“.

Fazit: Eine gespaltene Gesellschaft?

Die interessanteste Entwicklung im Rahmen der Debatte um Netzsperren ist die Frage nach der digitalen Spaltung der Gesellschaft: unter dem mehr oder weniger treffenden Schlagwort der “Generation C64” hat Christian Stöcker für den Spiegel versucht, die Spaltung fassbar zu machen. Auf der einen Seite sind die “Digital Immigrants”, die Technologien wie Computer und das Internet mühsam erlernen mussten, und bei denen man das Gefühl nicht los wird, dass sie sich damit nicht wohlfühlen — und sie daher kontrollieren möchten.  Auf der anderen Seite gibt es die “Digital Natives”, die mit den Technologien aufgewachsen sind, sie in ihr Leben integriert haben und Probleme (wie etwa strafbare Inhalte) mit ganz anderen Verfahren bekämpfen würden als die Kontrollversuche der Politiker.

Nun wäre es viel zu einfach zu behaupten, die Digital Natives seien Sperrgegner und die Digital Immigrants die Befürworter — und falsch obendrein. Doch zeigt sich an dem Beispiel eindrucksvoll, wie Digital Natives auf in ihren Augen ungerechtfertigte Politik reagieren: mit kreativen und technisch versierten Formen des Protests. Und mit durchaus konstruktiven Vorschlägen dagegen halten.

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