Mai 2008 im Croix-Rousse
40 Jahre ist es nun her, als im Mai 1968 französische Studenten auf die Straßen gingen und gegen autoritäre und unterdrückende Tendenzen protestierten. Und während über die Bildschirme der Welt noch Tausende von Rückblicken flimmern, findet eine neue Bewegung direkt vor meiner Haustür statt: Croix-Rousse Mai 2008. Mit anderen Mitteln, vielleicht weniger einflussreich, aber nicht weniger wahr. Und mit explizitem Bezug auf die großen Vorbilder von damals.
Aktionen für ein besseres Zusammenleben sind im Lyoner Künstlerviertel keine Seltenheit, nicht zuletzt war auch die Vogue la Galère ein großes Plädoyer für gegenseitige Toleranz. Doch was gerade hier abgeht, dürfte dennoch ein neues Ausmaß erreichen: 31 Tage lang künstlerische, soziale, poetische, politische, schulische, ökologische Initiativen.
Es geht um das Recht auf den öffentlichen Raum, als Ort für das demokratische Zusammenkommen. Um das Recht auf kulturellen Reichtum gegenüber einer sich immer größer werdenden Vereinheitlichung. Und folgerichtig strahlt der “Place de la Croix-Rousse” nicht in klinischer, perfekt inszenierter plakatierter Pracht, sondern im besten Do-It-Yourself-Geist. Selbst gebastelte Wimpel, eigenhändig angepinselte Theken, zusammengezimmerte Sitzreihen aus Holzlatten und großen Kabeltrommeln. Es wird die eigene Kreativität gefördert, mit Schreibwerkstätten oder Malaktionen. Menschen jeglichen Alters laufen von Stand zu Stand, um daran teilzunehmen.
Es gibt Konzerte und Diskussionen, nicht selten beides auf einmal. Warum nicht erst Gedichte von Inhaftierten mit musikalischer Unterlegung vortragen und danach über die Bedingungen in französischen Gefängnissen diskutieren? Kunst war und ist schon immer in der Lage gewesen, uns etwas über das Leben zu erzählen. Sie tut es auf eine andere Art, in einem “anderen Register” als die harte, ernste Wissenschaft, um meinen Professor Philippe Corcuff zu zitieren. Doch ihre Aussagen sind deswegen nicht weniger wahr. Vielleicht etwas, das wir in Deutschland mit unseren trockenen Konferenzen allzuleicht vergessen.
Und immer wieder die Grundidee: Zusammen, nicht gegeneinander. Fast alle Getränke werden nach eigenem Ermessen bezahlt, und ja, das funktioniert. Respekt ist die Antwort, die hier propagiert wird, so wie es der Scary Guy in einem Gespräch mit Steffen Büffel hervorgehoben hat. Im Croix-Rousse wird er gelebt. Mehr Informationen zur Aktion (auf Französisch, versteht sich) gibt es bei der Commune de la Colline, doch auch wenn ich als Austauschstudent oft relativ wenig von der ganzen Geschichte verstehe – ich setze mich zu den anderen, werde von ihnen ohne Weiteres akzeptiert und atme ein bisschen vom offenen Geist. Und nehme ein Stück davon mit nach Hause.
Eine Reaktion zu „Mai 2008 im Croix-Rousse“
Wer noch über diesen Beitrag geschrieben hat
Einen Kommentar schreiben
Ähnliche Beiträge
-
Erasmus, Fotografie & Film
Bilder vom Mai 2008 -
Erasmus
Sortir à Lyon: Le Cassoulet-Whisky-Ping-Pong -
Erasmus
Crossing Jordan. Oder: wie man nach Lyon reisen kann -
Erasmus
Sortir à Lyon, oui… mais où? -
Erasmus, Fotografie & Film
Fotografien vom Fête des Lumières -
Erasmus
Mission Impossible: Spanisch lernen





