La tyrannie d’autrement dit
Es ist doch immer wieder interessant, wie unterschiedlich die Stile sind, in denen Vorlesungen gehalten werden. Besonders, wenn man die deutschen mit denen in Frankreich vergleicht. Ich habe noch nie so viele Schnörkel an einem Stück erlebt. Französische Wissenschaftler, so kommt es mir vor, umkreisen ihre Zielaussage gerne mehrmals von verschiedenen Seiten. Das ist mir neulich wieder einmal ganz stark bei einem meiner Professoren aufgefallen. Er ist eines jener Exemplare, die nicht nur Bücher schreiben, sondern wie Bücher sprechen. Und so verbringt er eine Viertelstunde damit, einen Gedanken wieder und wieder umzuformulieren. La tyrannie d’autrement dit. Mit jeder Schleife wird er poetischer. Jeder Schnörkel vergrößert das Ausmaß an Philosophie und Abstraktion. Er ist wie ein Vogel, der sich in Kreisen in die Lüfte emporschraubt. Meistens frage ich mich dabei allerdings: Hat er seinen Grundgedanken eigentlich ausformuliert? Wäre es nicht viel besser, einmal klipp und klar zu sagen, was seine grundlegende Annahme ist, und erst danach den Faden weiterzuspinnen?
Vielleicht war der Erfinder des Ausdrucks “zwischen den Zeilen lesen” ja ein Franzose und wollte der Nachwelt diesen wundervollen Tip mitgeben, die Wissenschaftler seines Landes zu verstehen. Ich glaube: der geistige Reichtum dieses Landes erschließt sich einem erst, wenn man die Fähigkeit entwickelt hat, zwischen all den Schleifen den wirklich zentralen Gedanken festzuhalten – am besten schriftlich. Wenn man das aber mal gelernt hat, kommt man eigentlich ganz gut zurecht. Und wer weiß, vielleicht nimmt man ja auch ein Stückchen von jener Denk-Kultur mit, die Frankreich in den letzten Jahrzehnten so ausgezeichnet hat…
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Und da hast du keine Probleme, überhaupt alles mitzukriegen, wenn alles verziert und verschnörkelt wird? Oder sprichst du so hervorragend Französisch?
Ich persönlich finde ja schon die deutschen Wissenschaftler, die zu wenig klaren Aussagen neigen, furchtbar… und das ganze auf Französisch? Nicht auszudenken…
Doch, ziemlich. Ehrlich gesagt sogar meistens. Aber nun gut, man hat ja den Ausländer-Bonus und darf in den Prüfungen Quark labern
nun, da mochte ich die schweden gerne. so konnten einen klaren satz durch eine umformulierung in einen weiteren klaren satz derselben aussage verwandeln um diese nochmals umsortierend ein drittes mal auf den bereits verinnerlichten punkt zu bringen. deren (aus)sprache bzw. meiné ohnmacht dieser gegenüber machte die dreimalige manifestation eines gedanken allerdings zur notwendigkeit. meine hausarbeiten einer engländerin zur korrektur vorgelegt brachte große unverständliche augen hervor und die resignierende vermutung: ihr deutschen schreibt doch nur so hochphilosophisch verkünstelte sätze, weil ihr eigentlich gar nicht wisst, was genau ihr sagen wollt. lieber mit allerlei schleifen und loopings alle interpretationen offen halten. nun.
Lustig… Vor ein paar Tagen meinte noch ein Prof zu mir (sinngemäß und übersetzt): “Oh, Sie sind Deutscher? Ich mag die Deutschen, die schreiben immer so klar.” Ist wohl doch alles ziemliche Geschmackssache…