Vor dem Erasmus-Jahr: vom Finden neuer Freunde
Von Björn Rohles am 30. Januar 2008 um 18:12
Nachdem ich mich im ersten Teil meiner Reihe mit Tipps zu Bewerbung und Wohnungssuche beschäftigt habe, soll es im zweiten Teil nun um die eher informellen – und freiwilligen – Vorbereitungen eines Erasmus-Aufenthalts gehen. Gemünzt auf Frankreich, aber auch für andere Ziele nutzbar.
Nun gut, die Anmeldung ist also durch; die Wohnung ist gefunden (oder auch noch nicht), aber noch bleibt ja ein halbes Jahr oder so bis es auf nach Frankreich geht. Dass man einen Sprachkurs belegen kann, ist nicht unbedingt der schlechteste Einfall – aber auch nicht so originell, dass ich darüber jetzt viele Worte verlieren müsste. Es gibt aber noch eine weitere Möglichkeit, die überraschend wenige meiner Freunde wahrgenommen haben.
How to make new friends: Sprachtandem
Das Gute am Erasmus-Dasein ist ja, dass es nicht nur Deutsche sind, die daran teilnehmen, auch wenn wir recht häufig dabei vertreten sind. Und so gibt es nahezu an jeder Uni junge Franzosen, die eben genau das gerade tun, was man selbst noch vor sich hat – sie machen Erasmus in Deutschland. Und haben die typischen Erasmus-Probleme: kaum Kontakt zu einheimischen Studierenden. Deutsch sprechen, gerne – aber nur mit anderen Ausländern? Nicht so das Wahre. Immerhin möchte man doch eine Sprache lernen, am besten so, dass man sie spricht wie ein Muttersprachler. Nur wie soll das funktionieren, ohne mit einem Muttersprachler zu sprechen?
Folgerichtig gibt es an den meisten Hochschulen Aktionen, die darauf abzielen, einen Muttersprachler und einen Studierenden aus dem Ausland zusammenzubringen. In Trier nennt sich diese Aktion “Sprachtandem“, an anderen Unis kann man sich mit Sicherheit beim Akademischen Auslandsamt über derartige Aktionen informieren. Dann meldet man sich dort an und hofft auf Sprachpartner. Die Erfolgsaussichten kann ich nicht beurteilen: in Trier hatte ich große Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der sich regelmäßig mit mir treffen wollte; in Lyon bin ich wie viele meiner Freunde leer ausgegangen.
Hat man dann einen Sprachpartner gefunden, stehen im Prinzip alle Möglichkeiten offen. Am Anfang vielleicht am besten ein Treffen in einem netten Café zum Kennenlernen, später kann man dann natürlich machen, was gefällt. Wenn man schön darauf achtet, das Gleichgewicht zwischen den Sprachen aufrecht zu halten, können beide Seiten nur davon profitieren. Wir hatten uns damals auf den “eine Stunde Deutsch, eine Stunde Französisch”-Modus geeinigt und konnten so nicht nur ganz praktische Hilfestellung bekommen (ich bei den Bewerbungen und der Wohnungssuche, meine Sprachpartnerin bei ihren Aufsätzen und Hausarbeiten), sondern vor allem viel Sprachpraxis – und zwar so, wie man spricht, nicht wie es in einem Buch steht.
How to make new friends: die lieben Vorgänger
Ich glaube, nicht nur für mich zu sprechen, wenn ich behaupte, dass so ein Auslands-Aufenthalt für jeden Menschen einen ziemlich starken Einschnitt in den gewohnten Alltag darstellt – viele gehen sogar genau deswegen weg. Dennoch: für die Uni selbst ist das Ganze so alltäglich wie das Zusammentackern von Papierstapeln. Obwohl – das Zusammentackern von Papierstapeln ist vielleicht doch weniger alltäglich, weil es gefährlich sein kann, wenn man seine Finger an ungünstigen Stellen hat.
Im Ernst: es ist relativ selten, dass man irgendwohin geht, wo noch niemand von der Uni jemals gewesen ist. Wir haben in Lyon schon fast so etwas wie “Klein-Trier” gebildet, so viele sind wir. Alles Leute, die haargenau in derselben Situation sind. Oder, noch wichtiger: die Einwohner von “Klein-Trier” (oder was auch immer), die schon vorher einmal in haargenau derselben Situation sind. Ich habe damals mit meiner Bestätigung eine randvoll gefüllte Liste mit E-Mail-Adressen bekommen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass das an anderen Hochschulen anders aussehen soll. Und selbst wenn doch… ich bitte euch, als ob es in der goldenen Web-2.0-Zeit ein Problem wäre, Leute zu finden, die genau dort waren, wo man gerne hin möchte!
Also schreibt man eine E-Mail. Einfach mal an alle, die in Frage kommen. Das ist einfach – wurde aber erfahrungsgemäß dennoch von erschreckend wenig Leuten gemacht. Man stellt sich kurz vor, erklärt, dass man nach X möchte und sich freuen würde, wenn man sich mal zu einem Kaffee oder einem Bier treffen könnte. Es ist übrigens recht wahrscheinlich, dass man dann wirklich jemanden findet, der dazu bereit ist – selbst wenn man ihn vorher noch nie gesehen hat. Warum? Weil die Person in haargenau derselben Situation gewesen ist und weiß, wie man sich dann fühlt. Und weil die meisten Menschen viel offener sind, als man denkt – wenn man nur mal über seinen Schatten springt und sich traut, sie anzusprechen.
Ist also ziemlich wahrscheinlich, dass man wirklich jemanden findet, der sich zum Informations-Austausch treffen möchte. Dann investiert man halt in ein oder zwei Kaffees, bekommt dafür aber – neben einem Freund – unglaublich wichtige Informationen. Ich wusste schon vor meiner ersten “Je cherche une colocation à Lyon”-E-Mail genau, in welchen Vierteln Lyons ich nicht wohnen möchte. Und ich wusste, welche Bank gut ist. Und ich wusste, wo man gut weggehen kann in Lyon. Glaubt mir: traut euch und fragt einfach mal die Leute, die schon einmal in der Stadt waren, wo ihr hin wollt!
How to make new friends: Es lebe das Web 2.0
Kaum noch eines Hinweises wert und deshalb auch entsprechend kurz abgehandelt: die Möglichkeiten des Web 2.0. Flickr hat eine mit Places und Map schöne Funktionen, um sich Bilder seiner neuen Heimat anzuschauen. Social-Networking-Plattformen wie StudiVZ und Facebook quillen über vor Gruppen, in denen man Leute kennenlernen und Fragen stellen kann. Und über Podcasts lassen sich Sprachen auch überraschend gut lernen. Und das sind nur ein paar Beispiel von vielen.
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