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Digitale Gedanken

Jahresrückblick 2007: Artworks

Datum: 27. Dezember 2007 |  Meinungen: 3 Kommentare »
Thema: Design & Kunst, MusikSchlagwörter: , , , ,

Das Jahr 2007 neigt sich dem Ende zu – und da wird es natürlich Zeit, die Welt mit möglichst vollständigen Best-of-2007-Listen zu beglücken. Ist ja klar, dass ich da keinen Unterschied machen kann. Besonders beliebt: die Best-0f-2007-Music-Listen. Ist ja klar, dass ich da einen Unterschied machen will. Deswegen hier meine kleine Best-of-2007-Music-Liste… bezogen rein auf die visuelle Aufmachung des Covers und deren kreative Umsetzung. Und weil sich die je nach Format ändert, steht die Angabe des Formats dabei, auf das ich mich beziehe.

1. Arcade Fire (Neon Bible, Vinyl-LP)

Arcade Fire waren nach Funeral zweifelslos everybody’s darling, und so waren erwartungsgemäß alle Augen auf Neon Bible gerichtet. Tracy Maurice hat zweifelslos dafür gesorgt, dass meine Augen etwas länger auf Neon Bible gerichtet blieben: Ganz in schwarz gehalten (schön passend zur mysteriösen, bedeutungsschweren Musik), lag es natürlich nahe, die namensgebende Neon Bible auf dem Cover abzubilden. Ich meine, wer würde in einem solchen Fall schon an ein Foto der Band denken. Also eine neonfarbene Bibel. Damit die aber schön zur mysteriösen, bedeutungsschweren Musik passt, besteht sie aus mehreren Neonröhren, die je nach Bedarf an- und abgeschaltet werden. Und so entstehen mal mehr, mal weniger buchähnliche Gebilde.

Im Inneren dann stilecht Schwarz-Weiß-Fotografien. Mehrmals die gleichen, aber immer anders. Orgelpfeifen aus nächster Nähe, aber immer anders, immer aus extremen Perspektiven. Eine Gruppe Menschen im Kreis, von oben betrachtet, sie legen ihre Hände in der Mitte zusammen, aber sie sind nur auf den zweiten Blick als Menschen zu erkennen. Zuerst einmal sind sie… Kreise, Strukturen, grafische Gebilde. Sie erinnern mich an László Moholy-Nagy und sein “Neues Sehen”. Die ganze Welt ist Grafik.

2. Radiohead (In Rainbows, Deluxe-Edition)

Zuerst einmal die Verpackung dieser wahrhaft “deluxigen” Deluxe-Edition: ein grauer Schuber. Grau. Richtig. Grau. Ein paar gezeichnete Hochhäuser und graue Kleckse. Dann ziehe ich das schwarze Buch heraus, das die CDs und Vinyl-LPs enthält. Schwarz. Richtig. Schwarz. Ein Tracklisting, in bunt. Nicht so wirklich spektakulär. Sollte ich mir vielleicht auch mein eigenes Design basteln?

Dann drehe ich das Buch um. Und… In Rainbows! Ein Kontrast von Farbe und Nicht-Farbe, Kunst-Grundkurs, aber… einfach effektiv! Die Booklets sind voll mit explodierenden Farben, sie sehen aus wie Sonnen oder ganze Galaxien. Oder wie Fische, ganz tief im Ozean. Oder wie Gemälde in Kunstgalerien. Oder doch eher wie der Fußboden in den Ateliers, in denen die Gemälde für die Kunstgalerien enstehen? Stanley Donwood und Dr Tchock stellen mit ihrem Artwork Fragen: Wo befindet sich der Betrachter? Sie lassen ihm die Freiheit, seine eigenen Assoziationen zu finden. So wie die Musik.

When I’m at the pearly gates | This’ll be on my videotape, my videotape, my videotape | When Mephistophilis is just beneath | And he’s reaching up to grab me | This is one for the good days | And I have it all here in | Red Blue Green Red Blue Green | you are my centre when I spin away | Out of control on videotape on videotape on videotape | This is my way of saying goodbye | because I can’t do it face to face | So I’m talking to you before… | No matter what happens now | You shouldn’t be afraid | Because I know | Today has been the most perfect day I have ever seen (Radiohead, “Videotape”)

It’s up to you – what do they mean?

3. Radiohead (In Rainbows, various)

Ihr habt richtig gelesen. Ist es jemandem aufgefallen?

Sollte ich mir vielleicht auch mein eigenes Design basteln? (Björn Rohles, wenige Zeilen vorher)

Wieso auch? Nun, über Radioheads Geschäftsmodell wurde schon viel geschrieben und erzählt: Das Album gab es vorab als Download für einen Preis deiner Wahl. Nun gab es also schon mal viel Musik… aber noch kein Cover! Kein Artwork! Und so haben also viele viele viele Menschen ihr eigenes Cover entworfen, alle zu betrachten in einer In Rainbows-Flickr-Galerie.

Die Herangehensweise ist unglaublich vielfältig: da gibt es Fotocollagen, Vektorzeichnungen, Zitate von anderen Designs, farbige Strukuren… Für mich ist die Galerie nicht nur eine Inspirationsquelle, sondern vor allem auch: eine Erinnerung daran, worum es bei Design eigentlich geht. Es geht nämlich nicht – und das vergesse ich selbst genau so gerne wie andere Designer – vorrangig darum, möglichst viele Tutorials durchzuarbeiten und möglichst viele Techniken zu beherrschen, ein Design umzusetzen. Es geht vielmehr darum, eine Visualisierung für ein vorgegebenes Thema, eine vorgegebene Aussage zu finden. Dafür muss man seine eigenen Ideen entwickeln, man muss sich fragen, welche Assoziationen eine bestimmte Aussage bei einem auslöst. Und natürlich: eine so allgemeine Aussage wie “Regenbogen” weckt natürlich verschiedenste Bilder. Und so ist jedes Design auch eine persönliche Angelegenheit.

4. The Good, The Bad & The Queen (The Good, The Bad & The Queen, Vinyl-LP)

Das führt mich fast schon automatisch zu meiner vierten und letzten kleinen Analyse. Die Gruppe rund um Damon Albarn hat vor allem durch ihre Besetzung aus verschiedenen berühmten Musikern für Furore gesorgt. Einer dieser Musiker, Paul Simonon (richtig, der von The Clash), hat einige Zeichnungen zum Artwork beigesteuert. Und sie sind es, die ich gerne hervorheben möchte. Simonons Zeichnungen erinnern mich an die Zeichnungen, die wohl jedem guten Design vorausgehen: wer mit einem Blatt Papier und einem Bleistift anfängt, Ideen zu skizzieren, ist nicht nur wesentlich schneller als am Rechner, sondern kann direkt aussortieren, was nicht funktioniert. Und manchmal, so wie hier, können sogar die Zeichnungen selbst zum Artwork werden. Seitdem ich es einmal ausprobiert habe, beginne ich keine Arbeit mehr am Rechner. Ich beginne denkbar einfach, denkbar effektiv: mit einem Stift und einem Blatt Papier.

3 Reaktionen zu „Jahresrückblick 2007: Artworks“

  • 1 Björn Rohles am 31. Dezember 2007 um 11:54 Uhr

    Im aktuellen Musikexpress (Ausgabe Januar 2008) gibt es einen kurzen Beitrag zum Radiohead-Artwork. Designer Stanley Donwood erzählt hier kurz, welche Ideen er sonst noch für das Artwork hatte, und warum er sich letztendlich für diese Version entschiedet hat. Die Farbspiele sind übrigens aus einem Experiment mit Fotografien und Chemikalien entstanden.

Wer noch über diesen Beitrag geschrieben hat

  1. Soundtrack (Teil 3) | Blog von Björn Rohles
  2. Zwischen Original und Innovation: "OK X" (Radiohead-Tribute) | Blog von Björn Rohles

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